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Seevetal/Karoxbostel. In Schrittgeschwindigkeit bahnt sich ein Mähdrescher aus dem Jahr 1959 seinen Weg durch einen dichten Roggenbestand. Auf dem Sackstand der historischen Maschine füllen Helfer das frisch gedroschene Getreide noch während der Fahrt in Jutesäcke. Am Samstag, 8. August ernteten fünf Oldtimer-Freunde aus Klein Meckelsen gemeinsam mit Aktiven des Vereins Wassermühle Karoxbostel e.V. den Winterroggen auf dem sogenannten Lebensfeld. Beide Vereine haben es sich zum Ziel gesetzt, das kulturelle Erbe auf dem Land zu bewahren. Für diesen Tag bündelten sie ihre Kräfte.
Jürgen Stemmann von den „Oldtimer-Frünn lütt Meckels un üm to e.V.” hatte den Kontakt zwischen den beiden Vereinen hergestellt. Er und seine Mitstreiter Heiko Gerken, Bodo Brüns, Nick Meyer sowie dessen Vater Andreas Meyer kamen aus der Börde Sittensen nach Karoxbostel. Sie brachten zwei historische Landmaschinen mit: den selbstfahrenden Fahr MDL von 1959 und einen top-restaurierten Allgaier-Ackerschlepper mit Kaelble-Motor aus dem Jahr 1949. Per Anhänger reisten die Oldtimer an.
Nach dem Abladen bewunderten die Anwesenden die Maschinen ausgiebig. „Das sind zwei echte Hingucker. Heute dürfen sie noch einmal zeigen, was in ihnen steckt”, sagte Stefan Mundt, stellvertretender Vorsitzender des Mühlenvereins. Der Fahr MDL ist ein seltenes Modell: Von ihm wurden insgesamt nur 7.776 Stück gebaut. Angetrieben wird er von einem Mercedes-Benz Dieselmotor mit 34 PS.
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Die Größe der alten Maschine passt gut zum kleinen Feld. „Unser Fahr MDL hat eine Schnittbreite von 1,40 Metern. Das ist ideal für kleine Flächen wie diese, die nicht einmal einen Morgen groß ist”, sagte Stemmann. Vereinsvorsitzende Emily Weede ergänzte, das Lebensfeld sei nur rund 2.000 Quadratmeter groß. Für den Transport eines modernen Mähdreschers mit deutlich größerer Schnittbreite lohne sich der Aufwand schlicht nicht.
Seltene Maschinen zeigen, was in ihnen steckt
Bevor die Arbeit auf dem Lebensfeld begann, stärkten sich die Gäste und die Aktiven des Mühlenvereins gemeinsam bei einem Brunch. Das Küchen-Team der sogenannten Mühlenretter sorgte beim wöchentlichen Mühlenputz für die Verpflegung. Wie jeden Samstag waren rund 40 Ehrenamtliche im Einsatz, um auf dem Mühlenhof, in den denkmalgeschützten Gebäuden und in „Doras Garten” zu arbeiten. Vor dem Dreschen stand für die Oldtimer-Freunde außerdem eine Besichtigung der Wassermühle auf dem Programm.
Dann ging es auf das Roggenfeld. Brüns, gelernter Schmied und Berufskraftfahrer, steuerte den Fahr MDL gekonnt durch den Bestand. Anders als bei modernen Maschinen sitzt der Fahrer ohne Kabine im Freien und ist Lärm und Staub ausgesetzt. Er hat direkte Sicht auf Schüttler und Dreschtrommel und darf nicht zu schnell fahren.
Neben Stemmann standen zwei Schüler an der Absack-Station: Ben Muhle und Felix Hecht sorgten dafür, dass die ausgedroschenen Körner sogleich in Säcken landeten. Andreas und Nick Meyer fuhren mit dem Allgaier-Traktor und Anhänger nebenher und nahmen die vollen Säcke auf. Gerken hatte ein Schleifgerät dabei, mit dem er das Schneidwerk im Handbetrieb schärfen konnte. Der 63-Jährige brachte es auf den Punkt: „Die ersten Mähdrescher waren Meilensteine der Mechanisierung, die die schwere Handarbeit ablösten.” Das Dreschen mit historischen Maschinen erfordere im Vergleich zu modernen Geräten mit ausgeklügelten Trenn- und Reinigungssystemen noch viel Handarbeit, Geduld und Augenmaß. Das lange Roggenstroh beanspruchte die alte Technik.
Ein paarmal stockte der Mähdrescher. Dann eilte Müllermeister Franz Rosenkranz mit einer Harke herbei, um Brennnesseln und andere Pflanzen aus dem Dreschwerk zu holen. Am Ende lagen rund 300 Kilogramm Roggenkörner in Jutesäcken. „Das hat alles prima geklappt und wir hatten alle zusammen einen wunderschönen Tag”, sagte Stemmann nach dem erfolgreichen Einsatz.
Neue Mühlsteine bestehen ihre Feuertaufe
Das anschließende Mahlen des Getreides hatte einen besonderen Hintergrund. Der zweite Mahlgang der Wassermühle hatte kurz zuvor einen neuen Boden- und Läuferstein erhalten. Die alten Steine, mit denen seit 1893 Getreide gemahlen worden war, hatten sich so weit abgenutzt, dass eine Erneuerung nötig wurde. Die neuen Mühlsteine fertigte Hans Titulaer aus Plasmolen in den Niederlanden. Seine „Molensteenmakerij” ist der einzige Betrieb in Europa, der noch Mühlsteine herstellt. Eingebaut hat sie die Mühlenbau-Firma Pätzmann aus Winsen. „Das ist selbst für die Mühlenbau-Profis etwas ganz Besonderes. Der Läuferstein allein wiegt 1,3 Tonnen”, sagte Weede. Nach mehreren Probeläufen und anschließender Feinjustierung laufen die Steine nach Angaben von Rosenkranz nun wieder rund. Der 81-jährige Müllermeister freute sich: Die Ernte vom Samstag sei der erste richtige Betrieb für die neuen Steine gewesen. „Heute sind unsere neuen Mühlsteine nämlich zum ersten Mal im richtigen Betrieb gelaufen”, sagte Rosenkranz. Er und sein Team mahlten sogleich zwei Sack Roggen als Dankeschön für die Oldtimer-Freunde. Das Schrot sei allerbestes Vollkornschrot, aus dem das Back-Team leckeres Brot backe. Der gebürtige Österreicher ließ es sich danach nicht nehmen, noch ein paar Stunden bei der Getreideernte auf dem Lebensfeld mitzuhelfen.
Als Erinnerung an den gemeinsamen Tag überreichten die Oldtimer-Freunde dem Vorstand des Mühlenvereins eine gestaltete Holztafel, die in der Müllerstube einen Ehrenplatz erhalten wird. Weede zog ein erfreutes Fazit: Vom Lebensfeld über den Mahlstein bis in den Lehmbackofen sei der Weg des Getreides kaum regionaler und ursprünglicher denkbar. Mundt schloss sich dem Dank an: „Ein ganz großes Dankeschön an die Oldtimer Frünn lütt Meckels für diesen tollen Tag! Ihr bewahrt diese alten Schätze nicht einfach nur, sondern haltet sie am Leben und lasst sie noch genau das tun, wofür sie einst gebaut wurden. Wir freuen uns schon auf ein baldiges Wiedersehen!” (JOTO)
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