
Seevetal. In einer Märznacht 2024 betraten zwei Männer zu Fuß den größten Rangierbahnhof Europas in Maschen. Niemand hielt sie auf. Sie öffneten einen Container, packten 40 halbautomatische Schusswaffen ein und verschwanden im Dunkeln. Wie die Ermittlungen später ergaben, hatten die Täter keinen Plan und gingen doch hoch strategisch vor. Mehr als zwei Jahre später sind alle Details des spektakulären Diebstahls bekannt, darunter ein Urteil, von dem die Öffentlichkeit bisher kaum etwas wusste. Das ist die Geschichte:
Der Rangierbahnhof Maschen, südlich von Hamburg, erstreckt sich über 2,8 Quadratkilometer. Unzählige Gleise liegen nebeneinander. Überall fahren Züge. Es ist ein riesiges Gelände, auf dem gilt: „Zutritt für Unbefugte verboten”. Baulich ist er dagegen kaum gesichert. Keine Zufahrt bewacht. Jeder Fußgänger könnte einfach auf das Gelände laufen.
Zwischen dem 16. und 19. März 2024 standen wie immer dutzende Güterzüge auf den Gleisen. Auf einem der Züge ein Container, der aus China stammte. Beladen mit halbautomatischen Lang-Schusswaffen des Typs „Kögel BK 4”, Kaliber 5,56 × 45 mm NATO. Ein Nachbau der M16. Der Unterschied zur Kriegswaffe: Die Kögel BK 4 kann kein Dauerfeuer. Es war ein genehmigter Transport. Die Waffen waren auf dem Weg per Schiene zu einer Waffenfirma in Süddeutschland.
Ein Container aus China und zwei Belarussen
Zwei Belarussen wussten nichts von diesem Container, als sie sich nachts aufmachen. Die Männer, 31 und 50 Jahre alt, wohnten in Seevetal. Sie kannten offenbar das Bahngelände und sie kannten seine Schwächen. Unbehelligt öffneten sie den Waffen-Container. Vermutlich ein Zufallsfund, wie spätere Ermittlungen ergaben.

Aus dem Container klauten sie acht Kisten. Darin: 40 voll funktionsfähige halbautomatische Schusswaffen. Der Warenwert? Insgesamt fast 46.000 Euro. Die Waffen wickelten die Täter in Plastiksäcke. Sie hoben eine Loch aus, nur acht Meter entfernt vom Rangierbahnhof. Versteckt im Unterholz zwischen dem Seevekanal und Bahndamm. Darin legten sie die Transportkisten.
Dieses Versteck werden die Ermittler später als Erdbunker bezeichnen. Damit niemand auch nur in die Nähe des Verstecks ging, tarnten es die Diebe zusätzlich mit Hundekot. Es waren so viele Häufchen, dass die Ermittler es später immer wieder in ihren Erzählungen hervorheben. Nach dem Diebstahl passierte erst einmal nichts.

Vier Tage später rollte der Zug in Nürnberg ein. Am 20. März 2024 stellte ein Sicherheitsarbeiter am dortigen Umschlagbahnhof fest, dass der Container unrechtmäßig geöffnet worden war. Der Inhalt, die Schusswaffen, fehlten. Die Bundespolizei Hannover übernahm die Ermittlungen, gemeinsam mit der Staatsanwaltschaft Lüneburg.
Spürhunde, gesperrte Straßen, ein riesiges Aufgebot
Was dann folgte, war ein Großeinsatz in Maschen und Meckelfeld. Die Polizei rückte mehrfach in Mannschaftsstärke an. Spürhunde verfolgten angebliche Spuren über acht Kilometer Entfernung bis nach Hamburg-Wilstorf. Straßen wurden gesperrt. Polizisten sicherten Spuren auf Feldern nahe des Bahnhofs, ein Wirtschaftsweg am Pulvermühlenteich galt als mögliche Fluchtroute. Doch die Täter waren weg.

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Dann kam ein Hinweis einer anderen Polizeibehörde: Es könnte einen Erdbunker geben. Dutzenden Beamte der Bundespolizei rückten in den nächsten Tagen immer wieder in mehreren Mannschaftstransportern an. Mit Spaten und in einer Reihe gruben die Beamten unter anderem im Waldgebiet Höpen in Meckelfeld an mehreren Stellen den Boden um. Auch in anderen Waldgebieten überprüften die Polizisten verdächtige Stellen. Ohne Erfolg.

Je länger nichts passierte, desto nervöser wurden die Ermittler. Die Polizei wollte den Tätern keine Hinweise geben und gleichzeitig verbreitete sich über die sozialen Netzwerke fast jeder Schritt der uniformierten Polizisten in Meckelfeld. So schnell die Beamten an einer Stelle ermittelten, so schnell waren sie dann wieder weg.
Dann der Durchbruch: Die Ermittler fanden das Versteck, das nur wenige Meter neben der akribisch untersuchten Fluchtroute lag. „Der Hundekot stank fürchterlich”, so erzählten es die Beamten später. Sie sicherten heimlich die Waffen, observierten die Stelle rund um die Uhr, mit allen möglichen technischen Maßnahmen und warteten. Geduldig. Über Wochen. Tag und Nacht.

Spezialkräfte greifen zu
In den frühen Morgenstunden des 6. April 2024, zweieinhalb Wochen nach dem Diebstahl, tauchten am Versteck zwei Personen auf. Spezialkräfte griffen zu. Die beiden Männer leisteten keinen Widerstand. Sie waren unbewaffnet. In Deutschland waren sie zuvor nicht polizeibekannt. Nach der Festnahme schwiegen sie. Es waren die beiden Belarussen.
Bei der Festnahme stellten die Ermittler Beweismittel sicher, darunter Handschuhe, die vermutlich beim Diebstahl getragen worden waren. Damals war noch unklar, ob weitere Täter beteiligt gewesen waren. Schnell gab es Vermutungen einer organisierten Tat.
Drei Jahre Haft, kein Abnehmer, kein Plan
Die Staatsanwaltschaft Lüneburg erhob am 9. Juli 2024 Anklage. Vor dem Amtsgericht Winsen (Luhe) endete das Verfahren drei Monate später mit dem Urteil: je drei Jahre Freiheitsstrafe für beide Männer. Seit dem 21. Oktober 2024 ist das Urteil rechtskräftig.

Beim Gerichtsverfahren kam heraus, dass alles ziemlich planlos war: Die Männer hatten weder gezielt nach Waffen gesucht, noch hatten sie konkrete Abnehmer für die Waffen. Die Absicht war, sie irgendwie gewinnbringend zu verkaufen. Wie genau, blieb offen.
Die Bundespolizei hatte bei einer Pressekonferenz noch erklärt, dass der Verkauf vermutlich über das Darknet ablaufen sollte. Doch im Gerichtsverfahren wurde die Frage gar nicht mehr behandelt, wie die Staatsanwaltschaft Lüneburg mitteilte.
„Die Ermittlungen haben keine Erkenntnisse dafür erbracht, dass die Verurteilten als Angehörige der organisierten Kriminalität anzusehen sind”, sagt Staatsanwalt Konstantin Paus. Auch gab es keine Hinweise auf Mittäter.
Und auf die Frage, wie die Täter überhaupt auf das weitläufige Bahngelände gelangten, gibt es eine schlichte Antwort: vermutlich zu Fuß. „Das Gelände war nach den Ermittlungserkenntnissen frei zugänglich”, so Paus.

Ob es Versäumnisse beim Transportunternehmen, der Sicherung des Waggons oder der Absicherung des Geländes gab? Unklar. Diese Fragen waren nicht Teil des Gerichtsverfahrens.
Was sich seitdem verändert hat
Ob am Rangierbahnhof Maschen selbst mehr in Sicherheitsmaßnahmen investiert wurde, beantwortet die Deutsche Bahn nicht. Zu konkreten Konzepten des Standorts äußere man sich nicht, heißt es auf Anfrage. Neue Zäune oder Schranken wurden noch nicht entdeckt.
Doch technisch rüste man bundesweit auf, sagt die Deutsche Bahn: Im Einsatz seien Wärmebildkameras, Trittschallsensoren und umfangreiche Videotechnik. Drohnen würden bereits über Anlagen fliegen und diese aus der Luft überwachen.
Drohnen sollen bald automatisch überwachen
Unbemannte Flugobjekte sollen bald auch automatisch aufsteigen, sobald Sensoren anspringen. Dann könnte aus der Ferne bereits beurteilt werden, ob es sich um Kinder im Gleisbereich oder zum Beispiel Metalldiebe handele. Ob das ausreicht, um einen Einbruch wie den in Maschen zu verhindern, bleibt offen. (JOTO)

















